Herfag schmiedet Umzugspläne

Gretchenfrage über 200 Meter

Im Nordhäuser Ratskeller spielte man gestern Abend das Präludium zu einem möglichen Nordhäuser Drama. Wie es aussieht, könnten knapp 200 Meter über die Zukunft des Einzelhandels in Nordhausen entscheiden. Teil des Konzerts: die Stadt Nordhausen, der Elektronikfachhändler Herfag, die Südharz-Galerie und Bauunternehmer Axel Heck…

Um die Zukunft des Elektronikhändlers Herfag ging es gestern im Ausschuss für Stadtentwicklung (Foto: ssc) Um die Zukunft des Elektronikhändlers Herfag ging es gestern im Ausschuss für Stadtentwicklung (Foto: ssc)

In Nordhausen liegt ein metaphorischer „Knochen“: Das obere Ende bildet die Marktpassage im Stadtzentrum, verbunden durch die Rautenstraße und ihre Händler mit dem Abschluss in der Bahnhofstraße und der Südharz Galerie. Mit einem räumlich begrenzten Konzept für den Einzelhandel wurde dafür gesorgt, dass nicht noch weitere Kräfte die Kaufkraft der Bürgerschaft anziehen, geschäftiges Treiben darf sich in der Stadt nur in eben jenem engen Korridor neu ansiedeln.

Ob das noch zeitgemäß ist, darüber wurde gestern im Ausschuss für Stadtentwicklung gestritten. Der Stein des Anstoßes wurde durch den Elektronikhändler Herfag ins Rollen gebracht. Der Markt, mit Hauptsitz in Leinefelde, gehört seit über 30 Jahren zum Stadtbild: Zunächst mit einer Filiale in der Rautenstraße, die 2009 in die Südharz Galerie umzog und hier seitdem als ein „Ankermieter“ gilt.

Damit könnte nun bald Schluss sein. "Wir sind seit 1993 in Nordhausen, haben hier eine Erfolgsgeschichte geschrieben und wir würden auch gerne hier bleiben. Nordhausen ist ein wichtiger Standort für uns", sagt Anja Maucher, die den Familienbetrieb mit vier Standorten in der Region in zweiter Generation leitet. Die Entwicklung, die man in der Südharz Galerie seit längerem beobachten könne, sei für den Umsatz der Filiale nicht mehr förderlich. Die große Treppe wurde weggerissen, der Fahrstuhl ist klein, die Rolltreppe häufig außer Betrieb. Hinzu komme der Leerstand im Obergeschoss, der die Besucherfrequenz deutlich verringert habe, sowie hohe Miet- und Nebenkosten. Einen Umzug ins Untergeschoss habe man seit Jahren angestrebt, bisher habe sich aber kein gangbarer Weg im Einvernehmen mit der Center-Leitung gefunden. „Ich sehe uns da im Moment schon in einer Notsituation“, sagt Maucher, „wenn wir investieren, dann nehmen wir viel Geld in die Hand und das können wir nicht an einem Standort machen, an den wir nicht wirklich glauben können.“

Center-Managerin Kathleen Viol will sich zur Causa Herfag nicht weiter äußern. Sie sagt nur, der Vermieter, die 29. Caurus GmbH aus Berlin, habe Herfag ein Angebot gemacht, um den Elektronikhändler in der Galerie zu halten.

Der Spielzeugwarenhändler Pepco wird sich demnächst aus der Galerie verabschieden (Foto: ssc) Der Spielzeugwarenhändler Pepco wird sich demnächst aus der Galerie verabschieden (Foto: ssc) Fest steht jedoch: Wenn Herfag aus der Südharz Galerie auszieht, würde vorerst ein Großteil der oberen Handelsfläche leer stehen. Denn auch die Filiale des Textil- und Spielzeughändlers Pepco schließt zum Monatsende. Aktuell läuft ein Abverkauf. Damit gehört die Nordhäuser Pepco-Filiale zu den 28 Filialen, die das insolvente Unternehmen wegen Unwirtschaftlichkeit in Deutschland schließt. Einen Nachmieter für die Fläche gibt es laut Viol noch nicht. Auch die ehemalige Deichmann-Fläche im Obergeschoss steht noch leer. „Für diese Fläche gibt es aktuell Gespräche mit einem Interessenten, aber es ist noch nichts spruchreif“, so Viol weiter.

Zwei gute Nachrichten gibt es dennoch aus der Südharz-Galerie: In den nächsten Monaten wird im Dachgeschoss der Galerie ein Fitnessstudio eröffnen. „Die Verträge sind unterschrieben“, so Viol. Um wen es sich handelt, verrät sie nicht. „Der Betreiber möchte demnächst selbst an die Öffentlichkeit gehen“, so die Center-Managerin. Froh ist sie auch, dass der Sporthändler Intersport weiter Mieter bleibt.

Jonathan Heßmer und Mia Müller machen ihre Ausbildung bei Intersport Liebig, im Moment bereitet man eine größere Umstellung des Sortiments vor (Foto: ssc) Jonathan Heßmer und Mia Müller machen ihre Ausbildung bei Intersport Liebig, im Moment bereitet man eine größere Umstellung des Sortiments vor (Foto: ssc)

Hier läuft zwar momentan ein Räumungsverkauf, doch nur wegen einer Neuausrichtung des Sortiments. Inhaber Andreas Liebig sagt der nnz-online: „Wir blieben hier und fühlen uns hier auch sehr wohl.“ Gut eineinhalb Jahre nach seinem Umzug von der Marktpassage in die Südharz-Galerie will der 59-Jährige das Sortiment aber noch einmal umbauen. Vor allem der Berg- und Wandersport soll eine größere und präsentere Verkaufsfläche erhalten.

200 Meter und eine Gretchenfrage
Einer der eine Alternative zur Hand hätte, die Herfag in Nordhausen halten könnte, ist Unternehmer Axel Heck, gestern ebenfalls im Ausschuss für Stadtentwicklung zu Gast. Herfag sei bereits im alten Jahr auf ihn zugekommen, um sich nach einem geeigneten Objekt zu erkundigen. Ein möglicher Standort würde sich anbieten: Neben dem Getränkemarkt in der Heinrich-Zille Straße stünden rund 2.500 Quadratmeter zur Verfügung. Vor allem die „weiße Ware“, sprich Haushaltswaren wie Waschmaschinen, Kühlschränke und Co., aber auch Fernseher könnte man von hier aus gut und vor allem kundenfreundlich verkaufen, Parkplatz und Ladeflächen sind bereits vorhanden, meint Heck. Das Problem: 200 Meter.

So weit liegt das Areal außerhalb des von der Stadt vorgesehenen Einzelhandelskonzeptes, im Rathaus wurde Hecks Vorschlag zum Jahresende zunächst abgewiesen. Daraufhin habe man mehrere Stadträte angesprochen, berichtet Heck der nnz, das Ergebnis war die gestrige Ausschusssitzung, die nun eine Gretchenfrage aufgeworfen hat: Lässt man Herfag nach über 30 Jahren gehen, obwohl der Händler mit 15 Mitarbeitern gerne in Nordhausen bleiben würde, krempelt man das ganze Einzelhandelskonzept um oder lässt man eine Ausnahme zu?

Letzteres mag wie die einfache Antwort aussehen, bringt aber möglicherweise ungewollte Konsequenzen mit sich. Nordhausen hat, gemessen an seiner Größe, bereits relativ viel Gewerbefläche pro Einwohner. Unter anderem mit dieser Begründung wurde in der Vergangenheit gegen die Ansiedlung des Großhändlers Kaufland argumentiert. Weicht man die bisherige Konzeption nun für eine Ausnahme auf, ließen sich Argumente für Vorhaben finden, die man bis dato im Sinne der Innenstadtbelebung verhindern wollte. Die Kaufkraft in Nordhausen ist begrenzt, wird sie zu breit gestreut, könnte das Gesamtkonstrukt in Mitleidenschaft gezogen und für alle Händler unwirtschaftlich werden.

Lager-, Ladeflächen und Parkplätze sind noch da - das vorgeschlagene Areal in der Heinrich-Zille Straße gehörte einst zum Werk für Rundfunk- und Fernmeldetechnik (Foto: agl) Lager-, Ladeflächen und Parkplätze sind noch da - das vorgeschlagene Areal in der Heinrich-Zille Straße gehörte einst zum Werk für Rundfunk- und Fernmeldetechnik (Foto: agl)

Das Einzelhandelskonzept wurde zuletzt im Februar 2024 aktualisiert mit dem Ziel, den Handel in der Innenstadt zu schützen und zu stärken, erläutert der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses, Pascal Leibrandt, der im Stadtrat für die Grünen sitzt. Weicht man das Konzept auf oder löse es ganz auf, bestünde die Gefahr, diesen Schutz der Händler aufzugeben. Betroffen seien dabei möglicherweise nicht nur die kleinen Läden im Stadtzentrum, sondern auch die Lebensmittelhändler, die in der Regel familiengeführt seien. Ein Verfahren mit dem Vollsortimentierer Kaufland wird bereits geführt, bestätigte das Rechtsamt des Rathauses gestern im Ausschuss. Die Sorge hier Tür und Tor zu öffnen ist also nicht gänzlich unbegründet.

Die Pläne für den Einzelhandel seien aber insgesamt nicht mehr zeitgemäß, findet Axel Heck. Die Flaniermeile zwischen Marktpassage und Galerie hätte nie wie angedacht funktioniert. „Wir können mehr Einzelhandel in der Stadt unterhalten, wenn wir den an die richtige Stelle bringen, dafür gibt es Möglichkeiten. Das Sterben auf Raten, das sich in der Südharz-Galerie abzeichnet, halten wir nicht dadurch auf, dass wir Mieter in die Galerie zwingen“, so Heck gegenüber der nnz.

Im Ausschuss war es gestern die AfD, die einen Antrag zur Anpassung der Bebauungspläne oder eine Neufassung des Einzelhandelskonzeptes einbrachte. Im Ausschuss habe sich gezeigt, dass der politische Wille bestehe, Herfag in Nordhausen zu halten, teilt die Partei mit. Die Abstimmung ging bei einer Enthaltung mit fünf Ja- und fünf Nein-Stimmen aus, ist von Pascal Leibrandt zu erfahren. Der Antrag sei sehr weitschweifig und unkonkret formuliert und aus seiner Sicht im Moment nicht zustimmungsfähig, so das Stadtratsmitglied weiter. „Wie die Galerie und Herfag miteinander umgehen, darüber hat der Stadtrat nicht zu befinden. So der Markt nach einem neuen Standort sucht, wäre es an der Stadt, hier Möglichkeiten aufzutun. Wie das unter der Abwägung der verschiedenen Interessen geschehen kann, dazu sollte man jetzt erst ein mal ein paar Ideen sammeln und das werden wir in den verbleibenden drei Wochen bis zum Stadtrat auch tun“.
Susanne Schedwill/Angelo Glashagel

Update 18.30 Uhr:
Recherchen der nnz ergaben, dass dem Antrag der AfD mehrheitlich zugestimmt (5:4) wurde. Bei einer Enthaltung von Bürgermeisterin Alexandra Rieger.