Frohe Zukunft sucht Unterstützung für die Kleinsten

Am Rand der Welt

Wenn in einer Familie die Krisen zu groß sind, sich Eltern nicht mehr um ihren Nachwuchs kümmern können und das Kindeswohl gefährdet wird, dann greift das Jugendamt ein und nimmt die Kinder in Obhut. In Nordhausen kommen die Jüngsten unter ihnen nach Rodishain, an einen ruhigen Ort am Rande der Welt...

Erzieherin Andrea Grunwald mit zwei ihrer jüngsten Schützlinge (Foto: agl) Erzieherin Andrea Grunwald mit zwei ihrer jüngsten Schützlinge (Foto: agl)

Es ist Februar, über dem Südharz hängen die Wolken tief. Unter dem nassgrauen Schleier geht es nach Rodishain, durch den Ort hindurch und einen steilen Hang hinauf, weg vom Ort, mitten in den Wald. Nach einer Weile tauchen Gebäude aus dem Nebel auf, in der Stille hat die Szenerie etwas wild-romantisches, ein Ruhepunkt am Rand der Welt.

„Unsere kleine Perle“ nennt Gert Bufe das Gelände, hier oben habe man „den schönsten Arbeitsplatz im ganzen Landkreis“. Der Grund warum man die Abgeschiedenheit und Ruhe gesucht hat, ist indes alles andere als romantisch: die „Frohe Zukunft“, den meisten Nordhäusern am ehesten für das gleichnamige Kinder- und Jugendheim am Stadtpark bekannt, bringt hier ihre jüngsten Schützlinge unter. „Für Kinder mit besonderem Hilfebedarf und seelischen Behinderungen ist das hier ein wunderschöner Ort. Wir haben viel Platz, die Natur um uns herum, ein paar bretonische Schafe - die sind bei den Kindern besonders beliebt - und ein gut eingespieltes, durchorganisiertes Team, dass Beziehungs- und Bindungsfördernd arbeitet und den Kindern Sicherheit und Verlässlichkeit gibt“, erzählt der Psychologe und Leiter der „Frohen Zukunft“.

Als man 1998 nach Rodishain kam, hatte man sich eigentlich vorgenommen, ganze Familien aufzunehmen und zu unterstützen, die Königsklasse der Jugendarbeit, wie Bufe sagt. Der Wunsch scheiterte an den Kostenfragen. Stattdessen richtete man die beiden Häuser oberhalb Rodishains für jüngere Kinder ein und betreut heute drei Gruppen zu je sechs bis acht Kindern. Im August 2024 kamen schließlich die ganz Kleinen dazu, Kinder im Alter von null bis drei Jahren. „Die Situation hat sich da in den letzten Jahren erheblich verschärft, in der Altersgruppe werden in ganz Deutschland im Jahr rund 4.300 Kinder in Obhut genommen. Wir haben seit der Eröffnung der Gruppe 15 Kinder betreut“, berichtet Bufe, manche bleiben nur ein paar Tage, andere bis zu einem Jahr.

Seit 1998 ist die Frohe Zukunft in Rodishain, v.l: Gert Bufe, Andrea Grunwald und Kerstin Fährmann (Foto: agl) Seit 1998 ist die Frohe Zukunft in Rodishain, v.l: Gert Bufe, Andrea Grunwald und Kerstin Fährmann (Foto: agl) Entwicklung im Landkreis
Die Frohe Zukunft kam mit der Einrichtung der neuen Gruppe auch einem Wunsch des Landkreises nach, für den die gesetzlich klar geregelten Inobhutnahmen zunehmend zur Herausforderung werden. Die bisherige Spitze verzeichnete man im Jahr 2022 mit 104 vorläufigen Schutzmaßnahmen, im Jahr zuvor waren es gerade 65 Fälle gewesen. In den Folgejahren blieb die Schlagzahl hoch, 97 Inobhutnahmen zählte man 2023, insgesamt 94 waren es in 2024 und für 2025 liegt man aktuell bei 70 Maßnahmen, die statistische Aufarbeitung ist hier aber noch nicht abgeschlossen, ist aus dem Landratsamt zu erfahren. Blickt man weiter zurück, kommt manches Jahr auf kaum mehr als ein paar Dutzend Maßnahmen, selbst während der akuten Phase der Flüchtlingskrise ab 2015 lag man deutlich unter den heutigen Werten (2015: 42 Fälle, 2016: 28, 2017: 62).

Und die Pflichtaufgabe drückt zunehmend auf den Haushalt: gab man 2021 noch rund 433.000 Euro für die Maßnahmen aus, waren es 2025 nach aktuellem Stand rund 512.000 Euro. Tendenz steigend. „Die vorgehaltenen Plätze wurden im Zuge der Krisen der letzten Jahre ausgebaut, die Menschen, für die man das damals gebraucht hat, sind inzwischen lange nicht mehr in den Hilfesystemen. Aber der Bedarf ist nie zurückgegangen, im Gegenteil. Die verfügbaren Plätze reichen nicht mehr, trotz sinkender Bevölkerungszahlen“, erläutert Bufe. Fand sich früher kein passender Betreuungsplatz im Landkreis, konnte man zur Not auf andere Regionen ausweichen mitunter bis nach Hamburg oder Köln, doch auch das ist Geschichte, die Plätze sind überall knapp, das Problem ist keines, das allein Nordhausen betreffen würde.

Als Hauptursache für Inobhutnahmen gibt die Statistik „Überforderung der Eltern/eines Elternteils“ an, in Nordhausen war das 2024 in 43 der 94 Maßnahmen der Fall, Anzeichen für Vernachlässigung, die klassische „Kindeswohlgefährdung“, gab es im gleichen Zeitraum in 21 Fällen. Bufe sieht in der Entwicklung vor allem ein gesamtgesellschaftliches Problem: „Das Gros der Eltern möchte sich kümmern, aber wir haben im Moment gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die Erziehung nicht eben einfacher machen. Das kann finanzielle Gründe haben, wir sehen zum Teil aber auch ein gewachsenes Problem und Menschen, die selber nie erfahren haben, wie Familie und Erziehung funktionieren sollten“, erzählt Bufe. Ein Kind in Obhut zu nehmen, ist dabei der letzte, mögliche Schritt, ehe dies geschieht, müsse es eine „richtige Krise“ geben, unterstreicht der Psychologe.

In einigen Fällen entscheiden Mütter noch auf der Entbindungsstation, dass sie ihr Kind in Obhut geben wollen, auch diese Fälle kann man in Rodishain umsorgen. „Man muss eine Affinität für die Arbeit mit jüngeren Kindern haben, Flexibilität mitbringen und psychisch stabil sein. Die Arbeit ist wunderschön und wirklich etwas besonderes, aber nicht einfach“, sagt Erzieherin Andrea Grunwald, die von Anfang an dabei ist. Ihr neuester Schützling hat lange gebraucht, um Vertrauen aufzubauen. Inzwischen würden die Phasen, in denen die kleine Dame laut und fröhlich ist, aber immer länger, erzählt die Erzieherin. „Einige der Kinder, die zu uns kommen, haben nie Ruhe erlebt. Hier oben am Rand der Welt geht das mitunter schnell und man kann zusehen, wie sich die Kinder verändern, das sind immer schöne Signale.“

Die Kleinen werden mit Herzblut gehegt und gepflegt, eine Alternative zum Leben in einer Familie kann das aber nicht sein, wenn überhaupt versteht man die Arbeit als Brücke. „Der Weg dahin kann lang sein. Eine geeignete Pflegefamilie zu finden, ist keine leichte Sache und erfordert die intensive Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, den Familien und den Kindern, schließlich sucht man nach einer Perspektive auf 18 Jahre. Aber wenn es passt, dann läuft es in der Regel auch gut“, so Grunwald weiter. Seit 1998 ist so eine „Entlassung“ in rund 270 Fällen gelungen, ergänzt Heilpädagogin Kerstin Fährmann, manche halten bis heute den Kontakt und kommen zu den jährlichen Ehemaligentreffen.

Verstärkung dringend gesucht
Insgesamt besteht das Team aus fünf Kollegen, zwei Stellen sind offen und könnten ab dem 6. April besetzt werden, so man denn passendes Personal findet. Gesucht werden nach Möglichkeit Krankenschwestern, Heilerziehungspfleger oder Fachkräfte aus vergleichbare Berufsfeldern, die sich einen Wechsel vorstellen können. Neben den nötigen Weiterbildungen für die Mitarbeiter bietet man auch Praktika an.

Die "Kleine Perle" liegt idyllisch im Wald über Rodishain (Foto: agl) Die "Kleine Perle" liegt idyllisch im Wald über Rodishain (Foto: agl)

Verstärkung sucht man auch beim Jugendamt, allerdings nicht allein beim Fachpersonal sondern bei den Pflegefamilien. Im Landratsamt zählt man derer im Moment 74, wobei neun Familien außerhalb des Landkreises leben und 18 Familien angehörige Kinder betreuen.

Was sind uns Kinder wert?
Die grundlegende Problematik wird man mit mehr Kollegen und mehr Pflegefamilien allein nicht lösen können. Für Gert Bufe fängt die Lösung beim Bildungssystem an. „Mit der Einführung der Schulsozialarbeit haben wir gute Anfänge gemacht, das ist in Nordhausen eine Erfolgsgeschichte, die aber auch politisch erkämpft werden musste. Und das System hat längst nicht alle Schulen erreicht, braucht Qualität und kann am Ende nicht alles abfangen. Die Entwicklung, die wir im Moment sehen, ist ein Armutszeugnis erster Güte für unsere Gesellschaft und wir müssen uns grundhaft fragen, welche Wertschätzung wir der Familie und der Care-Arbeit im Land entgegenbringen. Wir müssen uns Fragen, was uns Kinder tatsächlich wert sind“, so Bufe.

Der Frohen Zukunft würden indes vor allem neue und gut qualifizierte Kollegen helfen. Details zu den ausgeschriebenen Stellen finden sich auf der Website der Nordhäuser Organisation. Eine breite Palette an Information zu den Themen Pflegefamilien und Adoption bietet das Jugendamt hier oder unter der Telefonnummer 03631 911-5263.
Angelo Glashagel