Vogelgrippe

Die sterbenden Kraniche vom Helme-Stausee

Hätten die Kraniche vom Stausee Kelbra und anderer Rastgebiete vielleicht länger leben können? Ein sterbender Kranich erteilte gewissermaßen den Auftrag, darüber nachzudenken. Bodo Schwarzberg tut das in seiner nnz-Kolumne...

Der Gegensatz zwischen dem gewohnt majestätischen Anblick fliegender Kraniche und diesem sterbenden Kranich ist nur schwer zu ertragen (Foto: B. Schwarzberg) Der Gegensatz zwischen dem gewohnt majestätischen Anblick fliegender Kraniche und diesem sterbenden Kranich ist nur schwer zu ertragen (Foto: B. Schwarzberg)
Es war für mich eine Begegnung, die schmerzt. Vor einigen Jahren kollidierte ein Auto, in dem ich als Beifahrer saß, mit einem Rehbock, der auf der ehemaligen B 80 oberhalb von Wipperdorf plötzlich aus einem Maisfeld kam und „unvorsichtig“ die Straße überquerte – und den Crash, im Gegensatz zu uns, nicht überlebte. Der Tod dieses Tieres war eindeutig nicht zu verhindern und schmerzte dennoch. Aber es war sofort tot.

Am vergangenen Sonntag aber stellte sich die Situation vielleicht anders dar: Im Raum Badra betreue ich das Vorkommen einer deutschlandweit fast ausgestorbenen Pflanzenart und wollte auf Grund der Presseberichte über die grassierende Vogelgrippe unter den am Stausee rastenden Kranichen auf dem Weg zu meinem Ziel alles richtig machen: Ganz gezielt nutzte ich zum Vorkommen nicht den stauseenahen Weg, der von Auleben in Richtung Kelbra führt, sondern näherte mich meinem Ziel aus Richtung Badra, das südlich und vor allem entfernt vom Stausee liegt.

Dennoch lag plötzlich ein sterbender Kranich mehrere Meter entfernt vor mir im Gras am Wegrand. Zunächst dachte ich, er sei tot, stellte dann aber fest, dass er noch versuchte, seinen Kopf zu heben, was ihm kaum gelang. Ich bin kein Jäger, aber ich hätte das Tier gern von seinen Qualen erlöst. Ob es die informierten Behörden noch am Abend erreichten, entzieht sich meiner Kenntnis.

Manchmal hört man die Kraniche sogar des Nachts, wenn sie in großen Schwärmen auch über Nordhausen ziehen. Man sieht sie auch tagsüber und viele Menschen sind von ihrer Eleganz beeindruckt. Tausende rastende Kraniche nur wenige Kilometer von der warmen Stube entfernt am Stausee, das ist ein Rest Wildnis, nach der sich fast jeder von uns ein bisschen sehnt.

Der sterbende Kranich am Mitternachtsweg zwischen Badra und der Numburg passte überhaupt nicht in dieses Bild. So emotional, wie diese Begegnung trotz des von mir eingehaltenen großen Abstandes für mich war, und für jeden anderen Menschen gewesen wäre, so rational ist sie zugleich:

Denn sehr wahrscheinlich sind „mein“ Kranich und vielleicht hunderte seiner Schwestern und Brüder an der Vogelgrippe gestorben, also an einer Erkrankung, die von irgendeiner Version des Virus‘ H5 N1 oder ähnlichen Influenza-Viren ausgelöst wird. Das Virus H5 N1 wurde in Kranich-Kadavern laut einer amtlichen Mitteilung des Landratsamtes Kyffhäuserkreis am 18.10. vom Friedrich-Löffler-Institut nachgewiesen.

Jede Krankheit, die man in den Suchmaschinen des Internets eingibt, fördert dort Informationen zu ihren Ursachen zu Tage und, im Falle von Infektionskrankheiten, zur Verhinderung der Erregerübertragung.

Und jedes Virus und jedes krankmachendes Bakterium hat irgendein Reservoir, in dem es sich erhalten und unter günstigen Umständen vermehren kann. Bezüglich des Corona-Virus SARS-CoV-2, das laut statista weltweit mehr als sieben Millionen menschliche Opfer forderte, sind das nach derzeitigem Stand der Forschung entweder ein chinesisches Viren-Forschungslabor oder wildlebende Säugetiere, Stachelschweine und Marderhunde als Zwischenwirte des Virus beispielsweise, von denen zahllose Exemplare auf asiatischen Märkten angeboten werden. In beiden Fällen aber, das ist wichtig festzustellen, ist der Mensch Verursacher der Pandemie.

In der Pharmazeutischen Zeitung vom 20.09.24 wurde der US-Forscher Dr. Michael Worobey zitiert: „Wildtiere mit Viren mitten in Großstädten mit hoher Bevölkerungsdichte in Kontakt zu bringen, zählt zu den riskantesten Dingen, die man tun kann.“

Auch wenn es also so sein sollte, dass ein Labor in Wuhan für SARS-CoV 2 die Verantwortung tragen sollte, die Zeitbombe durch den zunehmend engen Kontakt von Menschen zu Wildtieren, durch ihr Eindringen in deren Lebensräume und ihre Zerstörung, fördert die Ausbreitung von Krankheitserregern und gibt ihnen erst die Chance, sich so zu verändern, dass sie uns Menschen gefährlich werden können.

Beim Vogelgrippe-Virus H5 N1 ist längst klar, dass die Massenhaltung von Geflügel, noch angefacht durch die globalisierten Handelsströme, sowohl die Entwicklung besonders aggressiver Stämme des Virus als auch dessen rasante Verbreitung verursacht oder doch zumindest kräftig vorangetrieben hat. Der erste nachgewiesene Ausbruch der Vogelgrippe wurde 1959 auf einer schottischen Geflügelfarm festgestellt. 1996 erfolgte der Nachweis von H5 N1 nach einem Krankheitsausbruch auf einer Gänsefarm in Südchina.

Dabei gelten Wildvogelpopulationen als natürliche Reservoire des Virus, mit dem sie eventuell jahrhundertelang weitestgehend problemlos lebten. Das Virus selbst ist also nach dem derzeitigen Stand der Forschung nicht menschgemacht, wohl aber dessen neue Aggressivität. Vergleiche zur Genese des strukturell allerdings anders aufgebauten Corona-Virus drängen sich auf.

Man nimmt an, dass durch eine Mutation des H5 N1-Virus die Abwehrstoffe des Immunsystems der Wildvögel neutralisiert werden. Für derartige Mutationen bilden Massentierbestände wie Geflügelfarmen mit tausenden Tieren auf engstem Raum geradezu ideale Bedingungen: große Mengen Kot, viel potenziell virenbelasteter Staub, geringer Luftaustausch. Gefördert wird dies durch den globalen Handel und natürlich durch den Vogelzug. Beides verbreitet die aggressiven Virusvarianten und sorgt durch das Aufeinandertreffen mit anderen Virusvarianten für weitere, unter Umständen noch gefährlichere Mutationen.

Ohne dass ich es belegen kann: Aber verfolgt man die Entwicklung des Virus H5 N1, so drängt sich die Schlussfolgerung auf, dass die Kraniche ohne die vom Menschen geschaffenen aus Virussicht idealen Vermehrungs- und Entwicklungsbedingungen noch leben könnten.

Und längst ist aus dem Vogelgrippe-Virus auch ein Säugetiervirus geworden:

So soll sich nach 2020 eine neue besonders aggressive Variante des H5 N1-Virus (Klade 2.3.4.4b) entwickelt und auf globaler Ebene ausgebreitet haben. In den USA grassiert sie in Rinderherden. Laut Fachjournal „Science“, sei eine Variante nur wenige Mutationen von einer deutlich erleichterten Bindung an humane Rezeptoren entfernt.

Dass die von einigen Forschern befürchtete Gefahr einer neuen, vom Menschen ausgelösten Pandemie durch eine Übertragung des Virus H5 N1 vom Tier zum Mensch und dann potenziell vom Mensch zu Mensch nicht ganz abwegig zu sein scheint, wurde bereits 1997 deutlich, als in Hongkong erstmals Menschen an der Vogelgrippe erkrankten.

Doch selbst dann, wenn es eine neue Pandemie gäbe, so werden wir Menschen sie als Art wohl überleben: Ob dem mittlerweile bis auf Australien und einige südpazifische Inseln und das antarktische Festland mittlerweile weltweit verbreitete und sich permanent verändernde Virus insbesondere seltene Vogelarten standhalten werden, das bezweifeln Forscher: 2024 berichtete Spektrum von „ungeheuren Zahlen“ verendeter Seeschwalben, Pinguine, Kormorane und Tölpel, besonders gefährdet sind dabei Arten, die nur über winzige Populationen verfügen und die keinerlei Abwehrmöglichkeiten gegenüber dem aggressiven Virus haben.

In Deutschland griff das Virus demnach bereits auf Bussarde, Seeadler und Lachmöwen über. Bei den Säugetieren treffe das Virus international u.a. Robben, Seelöwen und Seeelefanten.

Doch zurück zum sterbenden Kranich, den ich in der Nähe von Badra auffand: Da zahlreiche Forscher die Massentierhaltung von Geflügel als Ursprung aggressiver Varianten des Virus H5 N1 betrachten, könnte es zumindest sein, dass er und viele seiner Artgenossen in diesen Tagen nicht hätten qualvoll sterben müssten.

Ob es Sinn macht, angeheizt durch eine ungehemmte Globalisierung, laut Wikipedia weltweit über 100 Millionen Tonnen Hähnchenfleisch und fast sechs Millionen Tonnen Truthühner zu produzieren, um die Supermärkte mit billigem Geflügel zu versorgen, darüber sollten wir vielleicht nachdenken, damit der einstige Weltbestseller von Rachel Carson „Der stumme Frühling“ von 1962 nicht doch noch Realität wird. Immerhin hatte das Buch zur Folge, dass das darin thematisierte und für den Tod von Millionen Vögeln verantwortliche Insektizid DDT fast weltweit geächtet wurde.

Vielleicht gibt es ja im Angesicht sich quälender und sterbender Kraniche und zahlloser anderer Wildvögel das notwendige Umdenken, um die Entwicklung von immer neuen, noch aggressiveren und noch gefährlicheren Vogelgrippe-Viren möglichst zu verhindern. Eine Gewöhnung an solche Bilder sollten wir nicht zulassen.
Bodo Schwarzberg