Urkunden zur Klimaregion Nordhausen mit mehreren Projekten im IBA Finale 2023

Aufnahme in die Internationale Bauausstellung

Mittwoch
01.03.2023, 16:15 Uhr
Autor:
red
veröffentlicht unter:
Die vierte Etappe der finalen IBA Tour führte den Fachbeirat und das Team der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen am 1. März 2023 nach Nordhausen. Dort überreichte die IBA Geschäftsführerin Marta Doehler-Behzadi den Projektträgern die Urkunden zur Aufnahme in die IBA..

Stadt Nordhausen, Städtische Wohnungsbaugesellschaft mbH (SWG) Nordhausen, Hochschule Nordhausen, als Kooperationspartner der Landkreis Nordhausen sowie die Planungsbeteiligten erhielten die Urkunden zur Aufnahme in die IBA Abschlusspräsentation. Dieser symbolische Akt ist die finale Auszeichnung, welches ein IBA Vorhaben im Rahmen der IBA Thüringen erreichen kann.

Die Ausgezeichneten der Klimaregion Nordhausen (Foto: Stadtverwaltung Nordhausen) Die Ausgezeichneten der Klimaregion Nordhausen (Foto: Stadtverwaltung Nordhausen)

Im Zuge des Klimawandels beschäftigen sich die Partner mit dem Ressourcenschutz und dem Umbau der Energiesysteme. Bereits vor der IBA hatten sich die Nordhäuser:innen ehrgeizige Ziele gesetzt: Der Anteil der erneuerbaren Energien am Stromverbrauch soll bis 2030 auf 100 Prozent und der Anteil der erneuerbaren Energien an der Wärmebereitstellung auf 30 Prozent steigen.

Kai Buchmann, Oberbürgermeister der Stadt Nordhausen sagte: „Als Stadt Nordhausen haben wir uns das Ziel gesetzt bis 2040 nicht nur lebenswerter, sondern auch klimaneutral zu werden. Dafür hat der Nordhäuser Stadtrat im Jahr 2014 das integrierte Klimaschutzkonzept verabschiedet. Gemeinsam wollen wir uns in der Region dafür einsetzen, dass unsere Klimaschutz-Projekte Arbeitsplätze und Wertschöpfung im Stadt-Umland erhalten und schaffen. Die Energiewende erfolgreich gestalten heißt auch, die Bürgerinnen und Bürger zu beteiligen, denn Akzeptanz erreichen lebt vom Verstehen und Mitgestalten.“

Mit der IBA Thüringen sind aus der Nordhäuser Zukunftsstrategie seit 2015 sieben IBA Vorhaben von Planungsinstrumenten und Klimatools über klimagerechte Quartiersentwicklungen in Altstadt und Plattenbauquartier bis hin zu einem StadtLand- Mobilitätskonzept hervorgegangen. Im Nordhaus, dem Begegnungszentrum der SWG Nordhausen, wurden zuerst die drei IBA Kandidaten Altendorfer Kirchviertel, das StadtLand-Mobilitätskonzept und der Klima-Gestaltungsplan sowie das IBA Projekt Rahmenplan Klimaquartier Nordhausen-Nord vom Fachbeirat der IBA Thüringen ausgezeichnet.

Der Klima-Gestaltungsplan zeigt auf, wie eine klimaneutrale energetische Transformation und Klimaanpassungsstrategie in einer neu verzahnten StadtLand- Klimaregion wie Nordhausen bis 2050 aussehen könnte. Er dient einerseits als Basis für teilhabebezogene Kommunikationen der künftigen Landschaftstransformation, andererseits ist der informelle Klima-Gestaltungsplan als Instrument und Methode so ausgestaltet, dass er Eingang in formelle Planungen wie Regionalpläne, Flächennutzungspläne, Landschaftspläne und ähnliches finden kann. Prof. Dr. Ariane Ruff nahm die Urkunde im Namen des Projektteams, das aus den Verbundpartner ThINK - Thüringer Institut für Nachhaltigkeit und Klimaschutz GmbH, der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde und der Hochschule Nordhausen bestand, entgegen: „Kernidee des Projektes war die Zusammenführung der Planungen, die sich aus der notwendigen Anpassung an den Klimawandel und der Umsetzung der Klimaschutzziele unter Berücksichtigung von baukultureller Gestaltung und Entwicklung der Kulturlandschaft ergeben.

Angesichts der großen aktuellen Herausforderungen in diesen Bereichen können die von unserem Team erarbeiteten Lösungsansätze einen wichtigen Beitrag zur umwelt- und sozialverträglichen Gestaltung unserer Kultur-Landschaftsräume leisten.“ Mit dem StadtLand-Mobilitätskonzept setzen Stadt und Landkreis gemeinsam auf ökologisch sinnvolle und sozial gerechte Lösungen für einen klimafreundlichen Verkehr. Das übergeordnete Ziel ist dabei die emissionsfreie Mobilität bis 2040. Vorrang aller zukünftigen Investitionen im Verkehrsbereich haben gleichermaßen der Ausbau des ÖPNV, des Fußverkehrs sowie des Radverkehrs in Stadt und Landkreis. Die team red Deutschland GmbH erarbeitete daraufhin das integrierte StadtLand- Mobilitätskonzept mit den räumlichen Leitbildern „10-Minuten-Stadt“ und „30-Minuten-Landkreis“.

Neben den räumlichen Leitbildern wurden auch quantitative Ziele definiert: Der Anteil des privaten Pkw-Verkehrs soll bis 2040 in Stadt und Landkreis halbiert werden, der Rad- und ÖPNV-Anteil sich mehr als verdoppeln und gegenüber heute ein Drittel mehr Menschen zu Fuß im Landkreis unterwegs sein. „Die Befragung zur Verkehrsmittelwahl im Stadtgebiet Nordhausen hat ergeben, dass bereits die Hälfte aller Wege umweltfreundlich zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV zurückgelegt werden. Zur Zielerreichung einer emissionsfreien Mobilität müssen jedoch noch mehr Wege umweltfreundlich zurückgelegt werden“, so Martin Juckeland, Amtsleiter Stadtentwicklung der Stadt Nordhausen.

Marcel Hardrath, Fachgebietsleiter ÖPNV beim Landkreis Nordhausen, ergänzte: „Der Verkehrssektor verursacht fast die Hälfte aller Treibhausgasemissionen im Landkreis Nordhausen. Daher gilt es im Rahmen der nachhaltigen Entwicklung Verkehr zu vermeiden, Wegebeziehungen bei der räumlichen Planung stärker in den Fokus zu nehmen und Alternativen zur „Autoabhängigkeit“ im Stadt-Land-Umfeld zu fördern.“

Das städtebauliche Konzept für das Klimaquartier Altendorfer Kirchviertel zeigt, wie bei der Entwicklung von Altstadtbrachen der Flächen- und CO2-Verbrauch bei einem gleichzeitig vielfältigen Angebot an Mietwohnungen reduziert werden könnte. Anhand eines Wettbewerblichen Dialogs suchten die Stadt Nordhausen und die SWG Nordhausen 2021 nach einer städtebaulichen Lösung für die hochbauliche Nachverdichtung, die Wohnen, Arbeiten, Freiraum, Mobilität, Energie und Versorgung auf Quartiers- und Gebäudeebene klimagerecht zusammendenkt. Als Sieger des Verfahrens gingen das Team Kaden und Lager aus Berlin zusammen mit einenkel landschaftsarchitektur aus Leipzig und Syrius Ingenieur/-innengemeinschaft aus Berlin hervor. Mit der Auszeichnung des Rahmenplan Klimaquartier Nordhausen-Nord wurde die Grundlage für die drei folgenden IBA Projekte gewürdigt. Für die Gesamtentwicklung des Quartiers führte die IBA Thüringen im Jahr 2017 gemeinsam mit der Stadt Nordhausen und den beiden großen Wohnungsunternehmen vor Ort eine Mehrfachbeauftragung für einen städtebaulichen Rahmenplan durch.

Petra Diemer, Sachgebietsleiterin Stadtentwicklung der Stadt Nordhausen: „Der Innovationsanspruch bestand in der Herstellung eines neuen Gesamtzusammenhangs der klimagerechten städtebaulichen Entwicklung weg von einem bevorzugt technisch- quantitativen Ansatz hin zu einer gesellschaftlichen Querschnittsaufgabe.“
Entstanden ist so ein dynamisches Klimaquartierskonzept: suffizient, effizient und konsistent. Das Konzept der Arbeitsgemeinschaft Teleinternetcafe Architektur und Urbanismus aus Berlin mit HWK Landschaftsarchitekten aus Ratingen erarbeite dazu drei parallele Strategien, die beispielhaft in drei IBA Teilprojekten mündeten: der Ossietzky-Hof, der Stadtloop und der Nordpark.

Nach den Urkundenübergaben im Nordhaus machten sich die Nordhäuser:innen und die Delegation der IBA Thüringen auf den Weg zu den drei IBA Projektstandorten. Dort wurden Urkunden an die Stadt, die SWG und die Planungsbeteiligten überreicht.
Dem Rahmenplan Klimaquartier Nordhausen-Nord entsprechend soll mit dem IBA Projekt Stadtloop die vom Durchgangsverkehr geprägte Quartiersmitte zu einem urbaneren Stadtteilzentrum mit weitestgehend barrierefreien Wegen entwickelt werden. Attraktive öffentliche Flächen sollen die Stadtteilbewohner:innen zum Aufenthalt einladen. Gleichzeitig ist mit dem Stadtloop der Anspruch verbunden, eine übertragbare und skalierbare Lösung für einen ressourcenschonenden und sozialverträglichen Umbau öffentlicher Flächen aufzuzeigen, der bezogen auf den Energieverbrauch und Ressourceneinsatz einen niedrigen ökologischen Fußabdruck aufweist. So wird vorhandenes Betonpflaster wiederverwendet und neues Pflaster muss einen Recyclinganteil enthalten. Die für die Gestaltung und Planung beauftragten Heinisch Landschaftsarchitekten aus Weimar: „Wir pflanzen stadtklimafeste Baumarten und realisieren drei Klima-Aktionsräume zu den Themen Hitze, Sturm und Starkregen. Die Folgen des Klimawandels werden thematisiert und in die Gestaltung integriert. Dabei wird der Umweltverbund der Mobilität, bestehend aus ÖPNV, Fuß- und Radverkehr ganz klar priorisiert.“

Mit dem Teilumbau einer öffentlichen Parkplatzfläche zu einem generationenübergreifenden Freiraum mit Spielanlage dem Nordpark wird im Rahmen der IBA Thüringen die Frage gestellt, wie sich ökologische Belange als wichtiger Baustein der Nachhaltigkeit auch faktisch messen lassen. LINNEA Landschaftsarchitekten aus Hannover haben sich dazu intensiv mit Möglichkeiten der Wiederverwendung von Materialien sowie klimagerechten Bauweisen beschäftigt und modellhaft den CO2-Verbrauch für das Vorhaben ermittelt. LINNEA Landschaftsarchitekten aus Hannover: „Ziel war es, auf dieser Basis die Planung in allen Leistungsphasen klimagerecht zu optimieren, die Ergebnisse zu dokumentieren und für zukünftige Freiraumplanungen anwendbar zu machen als „Klimatool Freiraum“. Die Nachhaltigkeit des Vorhabens liegt darüber hinaus in der partizipativen Gestaltung mit den Kinder- und Jugendlichen vor Ort.“

Zahlreiche schattenspendende und klimaangepasste Bäume sind vorgesehen, Flächen werden entsiegelt und das anfallende Regenwasser wird vollständig vor Ort versickert. Statt immer neue Materialien zu verbauen, werden die Möglichkeiten, vorhandene Baustoffe wiederzuverwenden, ausgereizt: eine Bushaltestelle wird als Unterstand für Jugendliche umgebaut, alte DDR-Betonmastleuchten werden zu spielerischen Balancierelementen aufgewertet, Schüttgüter wie Schotter und Betonaufbruch wieder eingebaut. Der Bauhof der Stadt Nordhausen hat sich zudem als Fundgrube für wiederverwendbares Material gezeigt: Betonpflaster werden für die Wegebefestigung und Natursteinborde für die Hangabfangung wiedergenutzt.
Zu den IBA Vorhaben der SWG zählt neben dem Klimaquartier Altendorfer Kirchviertel auch der klimagerechte Umbau des Plattenbauwohnhofs Ossietzky-Hof. Auf der Baustelle in Nordhausen-Nord überreichte die IBA Delegation der Geschäftsführerin der SGW Nordhausen, Inge Klaan, und den Planungsbeteiligten zum Abschluss der Touretappe Nordhausen die Urkunde zur Aufnahme in die IBA Abschlusspräsentation. Inge Klaan: „Nicht nur durch die Baukostensteigerungen und -verzögerungen seit Baubeginn im Frühjahr 2021 werden wir bei der Umsetzung von Umbau- und Sanierungsprojekten vor immer größere Schwierigkeiten gestellt. Dennoch sind solche Projekte unumgänglich, denn der Klimawandel holt uns alle ein. Die Kosten für die Gesellschaft, unser Unternehmen und unsere Mieterschaft würden langfristig deutlich höher sein, wenn wir diese Herausforderungen jetzt nicht angehen. Wir werden mit
diesem Projekt unseren Beitrag zum klimagerechten sozialen Wohnen leisten!“

Das bauliche Konzept des wettbewerblichen Siegerentwurfs der ARGE Ossietzky-Hof formulierte unterschiedliche hochbauliche Ansätze für den Umbau zweier Bestandsgebäude vom Typ WBS 70 in die neuen Identitäten „Ludwig“ und „Sophia“, bei denen jeweils unterschiedlich tief in die Substanz eingegriffen wird, parallel dazu wird der Innenhof entsiegelt und als biodiverser öffentlicher Erholungsraum angelegt. Das ehemalige Schwesternwohnheim in Großblockbauweise wurde wiederum abgerissen, an seiner Stelle wird der Ersatzneubau „Franzi“ als Holz(hybrid)bau vorgesehen. Nach Umsetzung würde Franzi Katalysator einer neuartigen energetischen Quartiersvernetzung zwischen Ludwig, Sophia und Franzi mit Erdspeicher und Steuerungssystem. Das gebäudeübergreifende Energiekonzept soll Betriebskosten sparen, indem die gewonnene Energie nicht in die Netze fließt, sondern direkt von den Mietern nutzbar ist. Das gleiche gilt für die Wärmerückgewinnung aus der Lüftung: Die Wärme in der aufgeheizten Abluft geht nicht verloren, sondern wird mit Wärmepumpen für warmes Trinkwasser oder Beheizung verwertet. „Energetisch ganzheitlich betrachtete Quartiere nehmen eine Schlüsselrolle bei der Energiewende ein. Die Entwicklung des Ossietzky-Hofs dient hierbei als Blaupause für die Sanierung und den Neubau von Quartieren hin zu energetischer Unabhängigkeit.“ so Taco Holthuizen in Vertretung der ARGE Ossietzky-Hof.