Als die Rote Armee in Nordhausen einrückte...

Übergriffe auch gegen den Bürgermeister und Landrat

Sonntag, 16. Juli 2017, 14:02 Uhr
Am Tage als die Russen im Juli 1945 in Nordhausen einzogen, gingen die zwölf Jahre der braunen NS-Diktatur nach kurzem Interregnum unter amerikanischer Besatzung in ein rotes Unrechtsregime über, das bis zur friedlichen Revolution 1989 andauerte. Manfred Neuber erinnert sich...

Angst und Furcht herrschten – so die Wahrnehmung des damals Zehnjährigen – in der Familie und weit verbreitet in der Bevölkerung. Wirkte die NS-Propaganda nach? Oder lag es an Schreckensmeldungen über unrühmliche Vorfälle beim Vormarsch der von nun an als „ruhmreich“ gepriesenen Roten Armee?

Als Befreier wurden die Sowjet-Soldaten wohl nur von wenigen Einwohnern empfunden. Zu ihnen gehörten Opportunisten der Stunde Null, die – wie es im Volksmund heißt – ihr Mäntelchen nach dem Winde drehten. Andere machten sich hinter vorgehaltener Hand darüber lustig, welch’ armseligen Eindruck die Kolonne von Panje-Wagen in der Halleschen Straße hinterlassen hatte.

Sobald die Kommandantur im Landratsamt und der Geheimdienst NKWD in der Oberstadt (Karolingerstrasse 18) etabliert waren, gab es nichts mehr zu lachen.
Willkür und Verfolgung auch politisch unbelasteter Bürger setzten ein. „Neue Angst breitet sich aus“, schrieb Heimatforscher Peter Kuhlbrodt in seiner Chronik „Schicksalsjahr 1945“ des Stadtarchivs unter dem 24. Juli 1945, als mehrere prominente Nordhäuser in den Kellern der sowjetischen Geheimpolizei verschwanden. Zu ihnen zählte der Architekt Ernst Rathsfeld, Vater eines Schulfreundes, weil seinem Sägewerk in der Uferstrasse überwiegend Fremdarbeiter zugeteilt waren. Rathsfeld starb Monate später in der UdSSR.

In der ersten Zeit der Besatzung trauten sich viele Frauen nicht auf die Straße. Ob Vergewaltigungen nur gerüchteweise oder tatsächlich vorkamen, darüber gab kein Polizeibericht verlässlich Auskunft. Wie ihre Freundinnen verwandelte sich meine 13 Jahre ältere Stiefschwester äußerlich in einen Burschen. Der kurze Bubikopf wurde durch einen Seitenscheitel zur Männerfrisur. Trotz warmer Sommertage trugen sie dicke Trainingshosen unter weiten Hemdblusen. Dazu noch eine alte Nickelbrille, so hofften sie, ein feminines Erscheinungsbild zu verleugnen.

„Wir grüßen die siegreiche Rote Armee“, hatten Nachbarn auf einem Transparent über die Straße gespannt, erinnerte sich Hildegard Koch in der Chronik.
„Dann hörten wir Hilfeschreie der Frauen von nebenan. Wieder lebten wir nun in Angst, immer wieder floh ich mit meinem kleinen Mädchen auf den obersten Boden und zog die Leiter hoch.“ Aktenkundig werden Übergriffe sowjetischer Soldaten, als Oberbürgermeister und Landrat Dr. Schultes auf der Rückfahrt von Erfurt im Pkw beschossen wird und der Bahnhof Nordhausen häufige Einbrüche mit Waffengewalt bei der Güterabfertigung der Kommandantur meldet.

Mit meinen Schulfreunden erlebte ich den Sommer 1945 als lange Abenteuerferien. Wir spielten an der Zorge und mit einem selbst gebastelten Floß auf einem Baggersee. Wir gingen auf abgeernteten Feldern „stoppeln“ (Ähren und Kartoffeln sammeln), wir klaubten Zuckerrüben von Ackerwagen, die zum Kornhaus rollten, um im Kupferkessel der Waschküche mühsam Sirup zu kochen. Wir holten Balken und Dachlatten mit dem Bollerwagen aus den Trümmern, sägten sie im Hof zu Brennholz für den nächsten Winter, angelten später Treibholz aus der Zorge.

Sobald der Unterricht an der Heinrich-Mittelschule im Herbst begann, hörte das Vagabundieren auf. Wem der Magen knurrte bei den kargen Lebensmittel-Rationen, der freute sich auf die großen Graubrötchen, die in den Klassen verteilt wurden. Meine Mutter zog mit mir einige Male zu Kerstings Mühle, um noch original verpackte Bett- und Tischwäsche gegen Brot und Mehl einzutauschen.

Auch unser großer Bücherschrank leerte sich zusehends – irgendwie musste Geld beschafft werden, nachdem die Amerikaner meinen Vater mitgenommen hatten, weil Ingenieur in der Mabag, Zulieferbetrieb für die V-Waffen-Produktion im Kohnstein. So verschwand auch das Schifferklavier der Schwester im Tauschhandel. Der Schulchor verhalf im folgenden Jahr zu einer frühen „Bühnenkarriere“ und der ersten stolz nach Hause gebrachten Gage in Reichsmark. In der „Harmonie“
an der Promenade, wo das ausgebombte Stadttheater seinen Spielbetrieb wieder aufgenommen hatte, sangen wir im Schauspiel „Flaxmann als Erzieher“ hinter den Kulissen „Änchen von Tharau“. Im Nachhinein erstaunlich, dass bei dem Volkslied aus Ostpreußen keine „revanchistischen Umtriebe“ unterstellt wurden.

Vom Rektor untersagt wurde freilich unserer Arbeitsgemeinschaft im Geschichtsunterricht, ein Laienspiel über den Freiheitskampf der Geusen in den Niederlanden gegen die Spanier in der Aula aufzuführen. Mit Begeisterung sprangen wir als Pucks Begleiter in Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf der Freilichtbühne am Lindenhof zur Musik Mendelsohn-
Bartoldys vom schnarrenden Plattenspieler. Etwas gruselig war der Heimweg spätabends durch die Trümmer des Stadtzentrums bis in die Unterstadt. In der romantischen Umgebung des Geheges – damals stand noch die berühmte Merwigs-Linde – durfte ich auch als Zwerg bei „Schneewittchen“ mitwirken.

Schräg gegenüber vom Harzquerbahnhof, an der Ecke Bahnhofsplatz/Reichsstraße, hatten die Russen im Hotel ein Offizierskasino eingerichtet. Zu Martini 1946 – der Märtensohmd wurde früher in Nordhausen groß gefeiert – hatte ich Schulfreunde eingeladen; denn es war mein zwölfter Geburtstag. Nach Malzkaffee und Kuchen gab es ein selbst gefertigtes Feuerwerk aus mit Unkraut-Ex getränkten Löschblättern, die getrocknet, mit Papier gefaltet und Draht zu Knallfröschen gedreht waren.

Unbekümmert fingen wir vor dem Hause Reichsstraße 26a in der Dämmerung an, einen nach dem anderen anzuzünden. Von der harmlosen Knallerei aufgescheucht, tauchten laut fluchende uniformierte Gestalten aus Richtung des Offizierskasinos auf. Zu unserem Glück fand keine Razzia statt, die Besatzer argwöhnten keinen Widerstandsakt. Nähere „Bekanntschaft“ mit Russen machte ich an der „grünen Grenze“, in beiden Fällen mit glimpflichem Ausgang.

Beim ersten Male im Sommer 1946 versuchte meine Mutter mit mir und einer älteren Dame von Branderode aus die Straße zwischen Neuhof und Tettenborn im Westen zu erreichen. Plötzlich tauchte auf dem Acker ein Soldat mit Käppi, oliv farbenem Umhang und Maschinenpistole auf. Der redegewandten Rheinländerin gelang es, den Russen dazu zu bewegen, uns passieren zu lassen, indem sie ihm ihre goldene Armbanduhr für seine Babuschka überließ.

Spannender verlief die Festnahme im folgenden Jahr. Frühmorgens war ich mit dem „Wüstenschiff“, einem alten Omnibus mit Tarnbemalung, von Nordhausen nach Mackenrode gefahren, um meinem Vater in Bad Lauterberg einen Wintermantel zu bringen. Den packte ich beim Schmied in der Ortsmitte in eine Kiepe und ging in dessen Garten, der sich den Hang hinauf zur Grenze zog, in Richtung Tettenborn. Wenige Meter vor der Demarkationslinie kam aus einem Gebüsch der Ruf Stoj! Die russischen Grenzposten hatten schon mehrere Leute gestellt, die an einer Böschung zusammengekauert hockten.

Alle verhinderten Grenzgänger wurden durch Mackenrode zur Kommandantur am Ortsausgang in Richtung Nüxei abgeführt, auf einen offenen Militär-Lkw getrieben und nach Lüderode-Weißenborn gefahren. Im Keller eines düsteren Gebäudes verbrachte ich mit anderen die Nacht, wurde jedoch am nächsten Morgen freigelassen und konnte mit der Reichsbahn nach Nordhausen zurückfahren.

Dennoch machten wir es der Neulehrerin im Russisch-Unterricht schwer. So kam ich im nächsten Zeugnis zum einzigen Verweis meiner Schulzeit. Im späteren Leben bereute ich das kollektiv aufsässige Verhalten gegenüber der Sprache der Besatzungsmacht. So 1964 bei der ersten Touristenreise aus der Bundesrepublik nach Moskau, so bei Besuchen in St. Petersburg, Wolgograd, Kiew, Odessa, Omsk und Sibirien als Journalist mit Regierungsdelegationen aus Bonn. Der Wohlklang der russischen Sprache verbindet sich für mich mit den Worten für Eisenbahn.. . In der Nachkriegszeit dachte man dabei in Nordhausen an die Demontage der Schienen.

Meine Schulfreunde und ich waren die Jungspunde beim Tischtennis. Mit uns standen an der Platte ehemalige Kriegsgefangene, die in den USA mit Ping-Pong die Zeit totgeschlagen hatten, aber auch ein Angehöriger des National-komitees „Freies Deutschland“ in der Sowjetunion, der uns von „Negermusik“, nämlich Jazz, abhalten wollte. Trainiert wurde in einem Saal in der Loge neben dem Dom, zeitweise auch in einem Schützenhaus bei Salza. Im Winter brachte jeder ein Brikett oder ein Stück Holz mit, so dass der Kanonenofen beheizt werden konnte.

Eine schwere Enttäuschung meines jungen Lebens erfuhr ich nahe der Kläranstalt am Ortsausgang nach Bielen. Am Hause von Bekannten durften wir ein Stück Land urbar machen. Es war eine furchtbare Schinderei mit der Spitzhacke. Als der Boden im zweiten Jahr einen bescheidenen Ertrag für unsere Küche abgab, wurde uns gekündigt.

So endete die Zigaretten-Herstellung eines 13-jährigen. Ich hatte auch Tabak angebaut, die höchst zulässige Anzahl von drei Dutzend Stauden. Die geernteten Blätter wurden zu Hause auf dem Dachboden getrocknet, dann fermentiert und zu Krüll geschnitten. Mit Zigarettenpapier konnten Glimmstängel gerollt werden. In alte Blechschachteln gelegt, dienten sie als Tauschware bei „Hamsterfahrten“ mit dem Fahrrad nach Uthleben und Hamma.

Die Qualität soll nach Meinung von Kettenrauchern nicht übel gewesen sein. Selber mochte ich sie nicht probieren; denn ich hatte seit dem Frühjahr 1945 nie
wieder geraucht. Damals qualmten wir Schuljungen heimlich unter einer Zorge-Brücke eine Ami – mit schlimmen Folgen. Aber die schmucken Packungen
der Chesterfield und Lucky Strike blieben in Erinnerung.
Auch unter sowjetischer Besatzung waren diese Marken, beschafft auf dem Schwarzmarkt am Grenzbahnhof Walkenried (Hauptumsatz: Textilien aus Sachsen gegen Salzheringe aus Bremerhaven) noch eine Zeitlang eine „harte Währung“ in Nordhausen.
Manfred Neuber